«Jagdfieber» heißen seine Bilder oder «Wettläufer» , «Brückenbalance» nennt sich eine Skulptur und «Rahmenmann» eine andere. Wer die Werke anschaut, kann den Geschichten lauschen, die sie erzählen. Immer sind es Geschichten von der Lausitz, vom Lauf der Zeit, und immer auch verraten sie etwas über ihren Erzähler Eberhard Krüger.
58 Jahre ist er alt und die meisten davon hat er in genau dem Haus verbracht, in dem er heute wieder lebt: sein Geburtshaus im kleinen Weiler Komptendorf (Spree-Neiße), irgendwo zwischen Spremberg, Forst und Cottbus. Die ersten Lebensjahre hier auf dem Dorf glichen denen der Nachbarskinder. Eine Neigung zur Kunst war spürbar, ein guter Zeichenlehrer gab erste Anregungen, in einen «künstlerischen» Berufswunsch mündete das alles aber nicht.
Pädagogik studierte Krüger, nicht ganz zu Ende, aber arbeiten konnte er dann trotzdem in seinem Beruf. Zunächst als Betreuer in einem Wohnheim für Vietnamesen, später als Leiter eines Lehrlingswohnheims. «Aber dann flog ich aus der Partei» , erzählt er grinsend und schiebt sofort hinterher, dass der Grund dafür nicht in politischen Heldentaten lag, eher in seinem Unverständnis für die Auflagen im Heim. «Wie soll ich denn 18-Jährige zwingen, um 22 Uhr ins Bett zu gehen?» Der Mann mit dem grau melierten Zopf zieht an seiner Zigarette, trinkt einen Schluck Espresso und erinnert sich nicht ohne Nachsicht an sein früheres Ich.
Kopf und Seele brauchten Nahrung
Nach dem Partei-Rauswurf verlor er seinen Job, musste als Lagerarbeiter sein Brot verdienen und war stolz, ein echter Prolet zu sein. «Aber irgendwann tat der Rücken dann doch zu sehr weh.» Er fand eine passende Nische bei der Kirche, konnte als Hausmeister in einem Pflegeheim arbeiten. Neben den Händen brauchten auch Kopf und Seele Nahrung: Erst im Malzirkel, später bei seinem «Meister» , dem Cottbuser Maler Gerhard Knabe, lernte Eberhard Krüger, was an Kunst in ihm steckte. Seine «Geldarbeit» reduzierte er auf eine Halbtagsstelle, später hörte er ganz auf – «nur nach Feierabend so ein bisschen rummalen, das wäre nicht gegangen» .
Der Garten als Gesamtkunstwerk
Zu seinem Glück hatte er in der Zwischenzeit eine Frau gefunden, die bereit war, seine Entscheidung mitzutragen und durch ihre Arbeit für ein regelmäßiges Einkommen zu sorgen. «Die Silberhochzeit haben wir wunderbar in Wien gefeiert» , erinnert sich Krüger, und er erzählt, wie sich die Familie mit zwei Kindern nach Jahren in Spremberg entschloss, zurück in das alte Komptendorfer Haus zu ziehen – mit seinen Stallungen, Gemüsegarten und Kartoffelacker. Die Ställe dienen längst als Lagerraum für die überlebensgroßen Skulpturen, und die Nutzflächen sind auf ein Minimum reduziert – der Garten selbst ist in den vergangenen Jahrzehnten zum Kunstwerk herangewachsen, mit verwunschenen grünen Räumen, spannenden Blickachsen und verlockenden Rundwegen.
Einmal im Jahr lädt die Familie Freunde zum großen Sommer- und Atelierfest, und dann füllt sich der Garten mit den mal urzeitlich, mal modern anmutenden Figuren des Künstlers. Gitarrenmusik und Klavier, Gesang und Bratwurstduft mischen sich aufs Schönste, und selbstredend sitzt auch das halbe Dorf um den Grill versammelt, die Holzstatuen aus Linde und Eiche werden schon mal als Tische und Sessel zweckentfremdet, und Krüger selbst schwirrt durch die bunte Mischung seiner Gäste. Kann erzählen von seinen großen Triumphen wie der Biennale- Ehrung 1995 oder dem Auftrag, den Vorplatz am Rostocker Bahnhof zu gestalten.
Ebenso kennt er die schmerzhaften Niederlagen im Kampf um Fördergelder – jüngst bei einem Projekt, das an zwölf Standorten entlang der historischen Poststraße zwischen Cottbus und der polnischen Partnerstadt Zie lo na Gora Kunstzeichen setzen sollte – um auch die Verbindung in den Köpfen der Menschen an der Wegstrecke zu stärken. «Theoretisch wäre das Geld dafür verfügbar, ich müsste nur jemanden finden, der die Trägerschaft für das Projekt übernimmt und die Gelder beantragt» , erklärt der Mann aus Komptendorf. Ihn selbst schaudert es schon bei dem Gedanken an Verwaltung und EU-Bürokratie, zumal sein Schaffen sich mehr und mehr auf ein anderes Ziel ausrichtet. «Es klingt komisch, aber der 60. Geburtstag ist nicht mehr weit. Und da möchte ich einfach eine Ausstellung haben, in der ich alles zeigen kann. Da muss ich jetzt schon anfangen, etwas dafür zu tun.»
Er experimentiert gern mit neuen Formen, mit Material und Größe – ein «Krüger» bleibt sein Werk dennoch immer. Gerade kämpft er, was für ein Widerspruch, mit Spielerischem an gegen die Gefahr der Verkrampfung. Er sucht Leichtigkeit im Umgang mit Holz und Spiegeln, will seine Philosophie neu ausdrücken ohne den Zwang, etwas von Bestand schaffen zu müssen.
Fast die Kunst vergessen
Ständiger Begleiter, wie wohl bei jedem Künstler, ist der Zweifel: «Ist das nützlich, was du tust? Ist das gut?» Fragen, die bei allem Austausch mit Freunden, mit der Frau oder mit anderen Künstlern letztlich eine einsame Auseinandersetzung bleiben. «Helfen, wirklich helfen kann dir da keiner» , sagt Krüger, nimmt wieder einen Zug von der Zigarette und ist längst bei der nächsten Geschichte. Vom gestrigen Abend handelt sie, wie er in der Dorfkneipe saß und plötzlich kein Aschenbecher mehr am Tresen stand, was das für eine Politik sei? Und wie er damals, zur Wendezeit, fast seine Kunst vergessen hätte wegen eben jener Politik. «Richtig engagiert habe ich mich und wollte was erreichen, bin zu jeder Demo gerannt und zu jeder Versammlung.» Dann aber sei es ihm zu deutsch geworden, dieses neue Volk und er sei zurück zur Kunst, die es neu zu entdecken galt. «Es reichte ja nicht mehr, irgendwelche Symbole zu verstecken, die der Parteisekretär nicht entdecken durfte. Und mit einem dicken Kapitalisten vor seinem Mercedes lockte man auch bald niemanden mehr hinterm Ofen vor.»
Land-Art-Projekte in Ex-Tagebauen
Heute lebt Eberhard Krüger mit dem Zwiespalt, genau jenen Symbolen des Kapitals dankbar sein zu müssen: Ein Geldinstitut ist eifriger Sponsor seiner Ausstellungen, viele seiner Land-Art-Projekte wurden in rekultivierten Tagebauen verwirklicht – mit Geld der Laubag. Und wenn der Energiekonzern Vattenfall käme und ihm seine Jubiläums-Ausstellung zum 60. Geburtstag ausrichten würde – er wäre froh. Auch wenn Komptendorf, sein Haus und damit seine Alterssicherung durch die geplanten neuen Tagebaue entwertet werden. «Aber mit meiner Kunst kann ich dann wenigstens die Nachfolgelandschaften wieder verschönern» , sagt er pragmatisch. Lächelt und denkt nach über seine nächste Geschichte.
Bild: Eberhard Krüger in seinem Skulpturenlager in Komptendorf – früher waren es Stallungen für die Tiere, heute sind hier andere Wesen zu Hause.
(Quelle: LR-Online, Von Andrea Hilscher., Foto: Michael Helbig)






